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Einmal um die ganze Welt!

Wachsam werden wir beäugt. Wir versprechen, nichts Böses im Schilde zu führen, was zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg führt. Nachdem wir auf die Klingel an der Gartenpforte drücken, hebt der große Hund seine Pfoten auf den Zaun, legt den Kopf schief und wartet ab. Kurz darauf wird “Rex”, der sich als freundlicher Artgenosse seiner Rasse entpuppt, zurückgerufen und wir dürfen ins Haus – und direkt hinein in die Geschichte. “Rex” stammt aus “Tiere suchen ein Zuhause”. Unsere Gastgeberin Kathrin Gradt ist Fan der Sendung im WDR und hatte sich spontan entschlossen, den Vierbeiner aufzunehmen. Wenn Kathrin mit ihrer eigenen Stimme spricht, ist sie kaum zu verstehen. Es ist eher ein angestrengtes Flüstern, was die Stimmbänder extrem strapaziert. Aus diesem Grund unterhält sich die junge Frau mithilfe eines Tobii Sprachcomputers. Nicht nur die Kommunikation zwischen Hund und Frauchen funktioniert damit prima: Gibt man ihr nur ein wenig Zeit, legt sie ausführlich ihre Meinung dar – gespickt mit einer Anekdote oder trockenem Witz.

Das war nicht immer so. Erst vor einem Jahr wurde Kathrin mit einem Talker Tobii C8 versorgt. “Wir sind schlicht und einfach vorher nicht auf die Idee gekommen”, berichtet ihre Mutter, “und niemand von professioneller Seite, weder Ärzte noch Therapeuten, klärten uns über diese Möglichkeiten auf.” Die Initialzündung ergab sich schließlich auf der Messe Rehacare. Eigentlich wollte sich Kathrin am Stand von REHAVISTA über einen Talker für ihre sprachbeeinträchtigte Freundin informieren. “Der Berater war völlig überrascht, dass es nicht um mich ging!”, erklärt die junge Frau, “Da dachte ich – na gut. Was habe ich zu verlieren, wenn ich mich selbst beraten lasse.”

Für Kathrin bedeutet der Talker vor allem eines: Freiheit!

Seit der Versorgung mit dem Tobii C8 hat sich das gesamte Leben der jungen Frau verändert. Früher war sie bei Veranstaltungen wie z.B. Familienfeiern zwar anwesend, aber stets in der Position der stillen Zuhörerin, selten aktiv und schon gar nicht “mittendrin”. “Oft kam es vor, dass du irgendwann still und unauffällig mit deinem Rollstuhl das Zimmer verlassen hast.”, erinnert sich Frau Gradt, “Dann wusste ich: Wieder einmal wolltest du etwas sagen, doch niemand hat bemerkt, dass du etwas beizutragen hast.” Ein selbstständiges und unabhängiges Auftreten in der Öffentlichkeit war gar nicht möglich. “Man hat mich einfach nicht beachtet”, berichtet Kathrin rückblickend, “und mir fehlte die Stimme, um mich bemerkbar zu machen. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf mein Selbstbewusstsein.” Nach der Versorgung mit der Kommunikationshilfe traute sie sich Stück für Stück mehr zu.

“Ich erzähle mal von meinem ersten Erfolgserlebnis”, kündigt sie an und beginnt sehr schnell und äußerst bestimmt auf dem Touchscreen-Display des Talkers zu tippen. Zwischendurch hält sie kurz inne, zieht eine Augenbraue hoch – ein amüsiertes Lächeln auf dem Gesicht – und tippt weiter. Schließlich lehnt sie sich zurück und wählt den Befehl “Sprechen”:

“Ich war in einem Kaufhaus und fuhr mit meinem Rollstuhl Richtung Kasse. Ich reihte mich in die Schlange ein, um ein Kleidungsstück umzutauschen, da kam eine Dame und stellte sich einfach vor mich, als ob ich gar nicht da wäre. Ich sagte mit meinem Tobii: ´Hallo!!! Ich stehe hier auch an!´ Dafür wählte ich extra die höchstmögliche Lautstärke. So hörte mich nicht nur die Frau, sondern auch die anderen Leute in der Nähe. Das war der Frau dann besonders peinlich. Sie lief rot an und stellte sich hinter mich!”
“Früher wäre so was für mich völlig undenkbar gewesen”, fügt Kathrin hinzu. “Ich wäre nicht mal alleine in das Kaufhaus gegangen!” “Du hast noch Stunden später gegrinst wie ein Honigkuchenpferd!” erinnert sich auch die Mutter zufrieden. Beide bedauern, dass Kathrin erst so spät den Weg der Unterstützten Kommunikation für sich entdeckt hat. Rückblickend hätten viele Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend anders verlaufen können. “Allein wenn ich an die Schulzeit denke”, sagt Kathrins Mutter, “in Kathrins Zeugnis stand doch tatsächlich wortwörtlich, sie solle sich im Unterricht um mehr Lautstärke bemühen!” Kathrin hebt ihre Augenbraue und schüttelt den Kopf bei dieser Erinnerung.

Nach ihrem Erlebnis im Kaufhaus erarbeitete sich die junge Frau jeden Tag ein wenig mehr Unabhängigkeit, angefangen mit der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel: für Kathrin eine wichtige Voraussetzung, um sich frei mit ihren Freunden treffen zu können. Sie sprang über ihren Schatten und lernte allein Bus zu fahren. Auch hierfür war der Tobii eine unverzichtbare Absicherung. “Noch so eine Geschichte”, erzählt sie:
“Als ich einstieg, sagte ich dem Busfahrer, dass ich am Hauptbahnhof aussteigen möchte. Als wir die Station erreichten, stiegen alle Fahrgäste aus – inklusive dem Busfahrer, der Feierabend machte und mich einfach vergessen hatte! Nach wenigen Minuten stieg seine Ablösung ein und startete den Motor, um seine Tour vom Hauptbahnhof aus zu beginnen. Zum Glück hatte ich meinen Protest schnell eingetippt und ließ den Tobii in voller Lautstärke gegen das Motorengeräusch ansprechen: “Stop! Ich muss hier raus!”

Kathrin mit ihrer Mutter: Beide sind glücklich über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten.
Inzwischen hat sich die junge Frau das Zugfahren als nächstes Ziel gesetzt. Schon beim Gedanken daran zieht sie lächelnd eine Augenbraue hoch und tippt eifrig auf der Tastatur: “Die Deutsche Bahn… Sie können sich vorstellen, dass das eine Heraus-forderung bedeutet!” Mobilität ist grund-sätzlich ein großes Thema. Kathrin erlaubt sich mittlerweile zu träumen: Gerne würde sie reisen und dabei andere Länder sehen. Flugreisen sind jedoch momentan (noch) ein Tabu. Aufgrund der Druckver- hältnisse in der Flugzeugkabine rät der Arzt ihr dringend davon ab, ein Risiko einzu- gehen, das ihre Sauerstoffversorgung ge- fährden könnte. Aber vielleicht zu einem späteren Zeit- punkt… Die unternehmungs- lustige junge Frau ist ein großer Japan-Fan. “Dort würde ich wirklich gerne einmal hin”, meint Kathrin Gradt. Dann hält sie kurz inne und fügt hinzu: “Eigentlich – einmal um die Welt!”



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