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Die Taktik mit dem Tictac

Voller Körpereinsatz: David Drews kommuniziert mit allen Mitteln

David Drews Bidlfolge

In der Wohnküche der Berliner Einrichtung liegt kribbelige Aufregung in der Luft: Zum einen wird in Kürze die Deutsche Fußballmannschaft ein EM-Spiel antreten. Zum anderen wecken die drei REHAVISTA-Mitarbeiterinnen, die soeben mit Kamera und Fotoapparat eintreffen, die Neugier der Bewohner. Während wir auf unseren Interview-Partner David Drews warten, setzen wir uns zu Sylvia Müller, einer Bewohnerin, die bereits zu Abend isst. Frau Müller nutzt – genau wie David Drews – eine symbolbasierte Kommunikationshilfe. Das Gerät, ein DynaVox MightyMo steht neben ihr auf einem Hocker, so dass sie es bequem erreichen kann, um Brot oder Käse zu ordern.

Frau Müller ist gerade beim Salat angelangt, als David Drews die Küche betritt. Auch er hat sein Kommunikationsgerät parat. David wirft einen abschätzenden Blick in unsere Richtung; in seinem Gesicht ist zu lesen, dass er um eine Entscheidung ringt. Kurz darauf gibt er uns zu verstehen, dass wir ihn in sein Zimmer begleiten dürfen – Test bestanden! Der lebhafte junge Mann spricht sehr viel; allerdings ist er nicht leicht zu verstehen. Je aufgeregter er ist, um so schwerer wird es für ihn, sich verständlich auszudrücken. Im Augenblick ist David Drews sehr aufgeregt. Bevor wir mit dem Interview beginnen, will er uns deshalb über etwas aufklären. Er öffnet eine Seite auf seinem Kommunikationsgerät und spielt uns nacheinander vor, welche Strategien er verfolgt, um sich bei Aufregung zu beruhigen: “Wenn ich etwas aufgeregt bin, gehe ich in mein Zimmer und esse ein Tictac”, “wenn ich sehr aufgeregt bin, gehe ich in den Garten und lasse einen Ball hopsen” und “Wenn ich mich nicht beruhigen kann, nehme ich ein Bad.”

Mithilfe seines Sprachcomputers DynaVox MiniMo schafft es David sehr schnell viel über sich zu erzählen. Er schafft einen Rahmen, indem er gleich zu Beginn signalisiert, wie es um ihn bestellt ist: Vielleicht rege ich mich gleich auf und wenn ich dann zum Tictac greife, wisst ihr, dass ich eine Pause brauche. Mit nur drei Knopfdrücken vermittelt er seine Gefühlslage, die er lautsprachlich nur sehr schwer hätte erklären können. Das Interview kann nun beginnen. Es entwickelt sich eine lebhafte Konversation, in der David viele Fragen beantwortet und auch von Dingen erzählt, die ihm selbst wichtig sind. Auf seinem Schreibtisch liegt “seine Agenda” ein Wochenplaner, den er täglich mit kleinen Symbolaufklebern bestückt. Sie zeigen, was alles passieren wird oder schon passiert ist. Um 18 Uhr klebt dort ein Kamera-Motiv: Interviewtermin mit REHAVISTA!

David führt uns von seinem Schreibtisch zum Regal gegenüber. Er berichtet von seinen Renovierungsarbeiten im Zimmer und dass er die Wand ganz allein blau gestrichen hat. Er berichtet auch von Ausflügen mit seinem Vater, die er auf Fotos dokumentiert hat und von seinem Lieblingsfilmstar Harry Potter, der überall im Raum zu finden ist. Der junge Mann mit der großen Ausstrahlung ist in seinem Element. Neben seiner Lautsprache verfügt er nicht nur über eine ausdrucksstarke Gestik und Mimik, sondern auch über Durchhaltevermögen. Die steile Falte auf seiner Stirn verrät seine Ungeduld, als seine Zuhörer eine wichtige Begebenheit nicht verstehen. David lässt nicht locker: Er erzählt mit vollem Körpereinsatz, er demonstriert was geschehen ist, er versucht es mit Gerät und ohne. Endlich – David wird verstanden! Die Erleichterung ist auf beiden Seiten groß und der Respekt vor ihm wächst, weil er nicht aufgibt, sondern dranbleibt – bis jeder versteht, was er möchte.

Davids eigene Lautsprache steht deutlich an erster Stelle. Zunächst versucht er stets sich ohne Technik auszudrücken. Wenn das nicht klappt oder wenn er komplizierte Dinge zu besprechen hat, ist das Gerät für ihn jedoch eine wichtige Ergänzung. Es gewährleistet auch, dass er bestimmte Dinge allein erledigen kann – “draußen”, wo er womöglich mit seiner Lautsprache nicht weiterkommt. Z.B., wenn er eine neue Karte benötigt, um seinen Handykredit aufzuladen. Oder wenn er Shoppen geht – ein neues T-Shirt, wie das, was er heute für das Interview trägt. Oder auch wenn er berichten möchte, dass er alles richtig gemacht hat. So wie heute.

David Drews hat sich nicht aufgeregt. Er hat drei fremde Frauen in sein privates Reich blicken lassen – eine ausgerüstet mit Videokamera, eine mit Fotoapparat und eine mit Notizblock – und hat die Situation ohne Tictac gemeistert. Es ist ihm sehr wichtig, dass das auf seinem Gerät vermerkt wird; damit er selbst von seinem heutigem Erlebnis berichten kann und wie gut er seine Nervosität dabei im Griff hatte.

Mit seiner Forderung, diese Informationen aufzuzeichnen, macht David aber auch klar: Nun ist es genug, es reicht. Die neue Sprachmitteilung signalisiert das Ende der Unterhaltung. Vor der Verabschiedung wünscht David sich noch schnell eine Fussball-Taste für sein Gerät. Gerade noch rechtzeitig – auf seinem Fernseher ist zu sehen, dass die Nationalmannschaft soeben das Spielfeld betritt. Wenn die Spieler so viel Durchhaltevermögen und Körpereinsatz zeigen, wie David beim Kommunizieren, dürfte die Partie gut ausgehen.



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