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Wenn die Skepsis baden geht

Die Lebenswelt eines Kindes ist vielseitig. Ob in der Schule oder zu Hause, beim Spielen oder beim Lernen, allein oder mit anderen, drinnen oder draußen – selbstverständlich findet in jedem dieser Bereiche Kommunikation statt. Auch für Kinder mit Sprachbeeinträchtigungen ist es wichtig, das Angebot alternativer Kommunikationswege nicht auf einige, wenige Lebensraume zu beschränken. In vielen Bereichen, in denen die Bedeutung von Unterstützter Kommunikation bereits bekannt ist, herrschen Bedenken davor, den Sprachcomputer außerhalb des geschützten Klassen-, Therapie- oder Kinderzimmers einzusetzen. Etwas Mut und Vertrauen kann jedoch zu überraschenden Fortschritten in der Sprachentwicklung eines Kindes führen.

Mohammed: Mit Sieben-Meilen-Stiefel unterwegs

Eine Erfolgsgeschichte zeigt ein Besuch der Pestalozzi-Schule in Essen. Hier versteht man UK als ganzheitliches Konzept. “Wichtig ist es, die Kinder in ihrer natürlichen Erfahrungswelt, zum Beispiel beim Spielen, dazu zu bringen, sich kommunikativ zu beteiligen”, erklärt Förderschullehrer Frank Rütten. “Je größer die Motivation, desto größer sind die Fortschritte”.

In der Schule steht an diesem Nachmittag „Waldabenteuer“ auf dem Stundenplan. Acht völlig unterschiedliche Jungen sind dabei. “Jedes dieser Kinder hat seine ganz speziellen Bedürfnisse, die im lebhaften und lauten Schultrubel nur schwer zu berücksichtigen sind. Wenn wir für eine Stunde mit ihnen nach draußen gehen, geben wir ihnen mehr Freiräume. Die gewünschten Lernerfolge für jeden Einzelnen ergeben sich dabei fast nebenbei – wenn der Anreiz stimmt.” Der Anreiz ist diesmal ein nahe gelegenes Waldstück mit Teich – und Teja, der Hund des Lehrers.

Ein Hund, ein Teich, ein Kommunikationsgerät und acht Jungen mit Förderbedarf? Und dabei noch an Lernziele denken? Das ist mutig – aber nicht unüberlegt. Dahinter stecken Vertrauen und ein durchdachtes Konzept, welches den Beobachter erst verblüfft und dann restlos begeistert. Jeder der Jungen lernt im Laufe des Waldabenteuers etwas dazu oder wird gefordert, erworbene Kompetenzen einzusetzen. Einer von ihnen, Mohammed, trainiert heute die aktive Verwendung von Schlüsselwörtern, die es ihm ermöglichen sollen, am Gruppengeschehen teilzuhaben.

Frank Rütten berichtet: Mohammed kam als 6-jähriger Junge ohne Lautsprache oder sonstige adäquate Möglichkeit zur Sprachausgabe zu uns in die Pestalozzi-Schule. Er verstand oft nicht, was man vom ihm wollte oder wie er sich ins Spiel oder ins Alltagsleben in der Schule einbringen kann. Dieser Zustand machte ihn sehr wütend und traurig. Die Folge war, dass er sehr häufig schrie und immer wieder in Tränen ausbrach. Zunächst erlernte Mohammed in Einwortsätzen über einfache Bildsymbole (PECS), seine Bedürfnisse zu kommunizieren und über einfache Ablaufpläne sich auf die Aufgaben und Anforderungen aus der Schule einzustellen. Motiviert durch die nötigen Anreize, gelang es ihm schon bald, die ersten wichtigen Vokabeln einzusetzen: ,noch mal‘, ,ich‘, ,ich auch‘.

Abseits: Möchte Mohammed gar nicht werfen?
Diese Wörter befinden sich auf dem Talker – einem DynaVox Maestro. Sieben Kinder balgen sich darum, einen Tennisball zu werfen, den Teja jedes Mal voller Motivation zurückbringt. Mohammed steht abseits. Er macht einen völlig vertieften Eindruck, während er Blütenpollen auseinanderzupft. Möchte er gar nicht werfen? Oder traut er sich nur nicht? Frank Rütten spricht den Jungen direkt an: “Mohammed, möchtest du auch werfen?” Mohammed nimmt sein Gerät und drückt: „Ich – möchte – auch!“ Der Effekt ist verblüffend, die Situation völlig verändert. Mohammed ist jetzt mittendrin und spielt mit. Teja bringt den Ball. Mohammed nimmt wieder sein Maestro zur Hand und drückt: „Nochmal!“ Damit es keinen Streit gibt, darf ein anderer Junge die Reihenfolge einteilen, in der die Kinder den Ball werfen. Nebenbei lernt er so die Bedeutung von Zahlen kennen, und dass er nicht zugleich an 1. und 2. Stelle stehen kann.

David bedient heute zum ersten Mal einen Talker und entdeckt die Kraft des Wortes „Nein!“ Emrehan, der sonst wenig und manchmal auch gar nicht spricht, traut sich nicht allein die Böschung herunter. Er ruft, laut und deutlich: „Warte Frank!“ Mohammed schließlich steht noch immer zwischen den anderen Kindern. Seine Handstereotypien sind für eine Weile vergessen. Er wirft erst den Ball und dann die Hände in die Luft – und strahlt! Das Maestro hingegen bleibt an Ort und Stelle – nahe der Wasserkante, aber im Trockenen. Ein einziger kleiner Tropfen perlt vom Display ab. Neben Teja ging im Wald heute nur die Skepsis baden.


Mohammed: Ich - möchte - auch
Frank Rütten: Über ein Leihgerät bekam Mohammed einen ersten Kontakt zu den vielfältigen Möglichkeiten, die ein elektronisches Sprachausgabegerät für die Kommunikation bietet. Er bediente schon nach kurzer Einarbeitungsphase Unterordner, um nach gewünschten Handlungen oder Spielen zu fragen. Endlich bekam er seine eigene DynaVox. Das Gerät wurde auf seine speziellen Kommunikationsbedürfnisse hin eingerichtet und mit Handlungs- und Ablaufplänen, die sein Verhalten stabilisieren sollen, versehen. Nun kommuniziert Mohammed seit einem knappen Jahr anhand seines Gerätes mit uns, zwar immer noch überwiegend über seine Bedürfnisse, dafür aber schon in ersten Dreiwortsätzen und diese sogar zunehmend lautsprachlich! Da er nun innere Vorstellungen zu Wort bringt und sich immer vergewissern kann, was er tun soll und was von ihm erwartet wird, sind seine Wut- und Tränenausbrüche Vergangenheit. Bei Mohammed wirkte die Mischung aus Bildsymbole – Lautsprache – Selbstbestimmung und Erfolg durch Sprache sprachexplosiv. Durch den Einsatz des Talkers ist Mohammed mit Sieben-Meilen-Stiefeln auf dem Weg zu verstehen, wie lohnenswert Sprache ist.

Mohammed würde sagen: „Es ist so schön, wenn man sich noch mal vergewissern kann!“ oder: „Ich möchte alles!“ Und das sagt Mohammed tatsächlich häufig.



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